Prenzlauer Zeitung vom 05. Januar 2010

Prenzlauer Zeitung vom 05.01.2010
"Solche Art zu wohnen fehlt in Prenzlau"
EINGERICHTET. Als Hildegard Sass sich ihre neue Wohnung aussucht, weiß sie um die Endgültigkeit. Heute fühlt sie sich wohl im AWO-Seniorenzentrum.
von Monika Strehlow
PRENZLAU. "Mutter, was willst du denn im Pflegeheim? Du hast eine wunderschöne Wohnung, bist beweglich und kannst mit dem Fahrrad überall hin". Diese oder ähnliche Sätze bekam Hildegrad Sass zu hören, als sie vor drei Jahren ihre Kinder mit der Entscheidung vertraut machte, ins AWO-Seniorenzentrum "Dr. Margarete Blank" zu ziehen. Es hat einige Überredungskunst gebraucht, die drei Söhne davon zu überzeugen, dass "es kein Pflegeheim ist und auch kein betreutes Wohnen, sondern ein ganz normales Mietverhältnis in einer altengerechten Wohnung ohne Barrieren", erklärt die vitale Seniorin und zeigt stolz ihr gemütliches Zuhause mit Bad, Küche und der Kammer auf dem Flur.
Einige Zeit habe sie warten müssen, bis sie hier in die Eckbebauung zur Schwedter Straße einziehen konnte. Nicht nur Küche und Schlafzimmer, auch das Wohnzimmer gibt nach drei Seiten den Blick auf das quirlige Leben der Bundesstraße, vor allem aber auf die vielen historischen Gebäude frei, die ein Stück Heimat der Urprenzlauerin sind. Denn hier, in der Königsstraße, kam sie vor fast 82 Jahren zur Welt, hier ging sie zur Schule bis sie 1944 bis 1945 das Pflichtjahr im Oderbruch absolvierte. "Prenzlau ist meine Heimatstadt, die verlasse ich nicht, auch wenn die Kinder weit weg wohnen", sagte Hildegard Sass bestimmt.
Schließlich habe sie fast ihr ganzes Leben in der Kreisstadt verbracht, erzählt sie von der Hochzeit 1953 mit ihrem Günter, der bei der Stadt gearbeitet hatte. Beim Tanz lernten sie sich kennen, damals arbeitete sie in der Henningsdorfer Filiale der Notenbank.
Als dann Christian und Siegfried 1953 und 1954 die Familie komplettierten, hatte er gesagt: "Mutter, du bleibst zu Hause." Und dabei blieb es. Zehn Jahre später kam noch Nesthäkchen Roland, so wurde es noch enger in der Dreizimmer-Wohnung.
"Doch das ging auch, bei uns war immer Leben im Haus und es war oft sehr lustig", lacht Hildegard Sass, und jeder, der die lebensfrohe Frau kennt, glaubt ihr aufs Wort. Kontaktfreudig und optimistisch ja, aber sportlich? "Nein, das nicht, ich hatte wie andere auch Schulsport, wir waren oft im See baden. Später dann der große Garten..." Mitte der 1969er Jahre leistete sie sich vom selbst verdienten Geld ein Fahrrad, das seitdem fleißig genutzt wurde.
Erst mit 64 Jahren, als sie die Anzeige im Uckermark Kurier las, begann die Prenzlauerin mit regelmäßigem Sporttreiben. Hildegard Sass gehörte zu den ersten Teilnehmern der Seniorensportgruppen des DRK-Ortsverbandes, die sich anfangs im Verbandssitz Luxemburgstraße, später im alten Kino und dann im Saal des neugebauten AOK-Gebäudes trafen. "Mein Mann redete mir zu und sagte, wenn er mal nicht mehr sei, hätte ich eine Aufgabe. Als hätte er vorausgesehen, dass er zwei Jahre später für immer Abschied nehmen muss."
Fast zwei Jahrzehnte später gehört Hildegard Sass zu den ältesten der DRK-Sportsenioren, nimmt noch immer regelmäßig an den Radeltouren rund um Prenzlau teil, ist Montagnachmittag bei der Gymnastikgruppe dabei; nicht nur um den Körper, sondern auch die Seele fit zu halten. Denn der Kontakt zu den Menschen ist ihr wichtig. Zu ihrer Schwester Lieselotte im benachbarten Pflegeheim ebenso wie zu der Gruppe, die sich regelmäßig im DRK-Begegnungszentrum trifft, oder auch zu den zwei, drei engen Freundinnen, mit denen sie viel unternimmt.
Auch aus diesem Grund ist ihr 2006 der Umzug aus der Wohnung im Millionen-Viertel nicht schwer gefallen, sagt sie. "Ich habe damals viel aussortiert und Abschied genommen. Denn ich wusste, dass jetzt der letzte Lebensabschnitt beginnt. Innerlich bin ich darauf vorbereitet, das gehört eben zum Leben dazu." Und wenn sie möchte, dann kann sie im AWO-Seniorenzentrum auch die Angebote zu den Mahlzeiten oder fürs Wäschewachen in Anspruch nehmen. Selbst ein Notruf ist im Bad installiert, der im Ernstfall die Schwestern im benachbarten Wohnbereich alarmiert.
Sie kenne viele in ihrem Alter, die sich solch ein frei bestimmtes Wohnen mit der Möglichkeit schneller Hilfe wünschen. "Doch das gibt es viel zu wenig, dafür müsste die Stadt viel mehr tun", sagt Hildegard Sass und bedauert, dass die Chance altengerechten Wohnens im Parkhotel nicht genutzt wurde, als dieses zum Verkauf stand.



