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Arbeit am Fundament

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 27.02.2019

Eine offene Tür seit fünf Jahren: Die Migrationsberatungsstelle der Awo in Teltow bezieht neue Räume

Teltow - Es fängt bei Null an. So jedenfalls nehmen es die Menschen wahr, die nach Deutschland geflüchtet sind und mittlerweile in Teltow leben. Flüchtlinge mit Bleiberecht kommen in die Sprechstunde von Ewgenia Marte. Die Sozialpädagogin arbeitet in Teltows Migrationsberatungsstelle, die von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betrieben wird und die am heutigen Mittwoch ihre neuen Räume im Gesundheitszentrum in der Potsdamer Straße einweiht. Marte berät nicht nur Flüchtlinge, sondern auch EU-Bürger oder Spätaussiedler. Das Beratungsangebot zielt vor allem auf die Integration in die Arbeitswelt ab.

Doch jeden zweiten Klienten, wie Marte sie nennt, treibt etwas anderes um: „Ich habe gehört, die Awo hat Wohnungen.“ Diesen Satz hört sie immer wieder. Es ist der Wunsch nach einem Zuhause außerhalb eines Flüchtlingsheimes. Die Frau mit den dicken, schwarzen Haaren und der roten Brille lacht: Zaubern kann auch sie nicht. Immerhin: In Teltow besteht seit einigen Jahren eine Kooperationsvereinbarung mit der Wohnungsbaugesellschaft WGT, Geflüchtete mit Bleiberecht dürften sich auf die Warteliste der WGT für eine Wohnung setzen lassen.

So seien schon neun Wohnungen vermittelt worden, erzählt Marte. Auch eine Kollegin vom Internationalen Bund helfe bei der Wohnungssuche und begleite teilweise die Hilfesuchenden, bis der Vertrag mit dem neuen Vermieter geschlossen ist. Marte vermittelt oft an die für Wohnungen zuständige Kollegin. Beim ersten Gespräch, sagt die aus Russland stammende Beraterin, gehe es darum, Ängste abzubauen.

Dass man auch Wohnungen in Bad Belzig oder Treuenbrietzen beziehen könne, wenn man zum Beispiel in Berlin eine Ausbildung mache – auch das sei möglich, erklärt Marte ihre Klienten. Dafür nehme man einfach den Zug, und komme auch so gut zur Arbeit. Sie erklärt nebenbei viel über die Kultur in Deutschland, dass das Pendeln zum Beispiel viele machen würden und es nichts Außergewöhnliches sei. „Was nicht geklärt ist, macht Stress.“ Oft seien es Informationen am Rande, die schon helfen würden, dass sich Neuzugezogene weniger hilflos fühlen. Überhaupt die Gefühle, damit steigt Marte bei ihren ersten Gesprächen immer ein. Auf ein Blatt Papier malt sie ein Fundament, darüber eine Linie, die geradewegs an den oberen Rand des Papiers führt. Am oberen Ende der Linie steht 100 Prozent, das sei das Ziel, „die Situation, in der man sich absolut wohlfühlt“. Wie man dorthin kommt, wird gemeinsam besprochen. Der Anfang ist schwer: Die Linie im Blick würden sich viele ganz unten, bei Null einordnen. „Sie wissen nicht, was aus ihnen hier wird, haben oft vergessen, was sie aus ihren Ländern an Ressourcen mitbringen und wollen nur eins: schnell arbeiten.“ So kommt es, dass gelernte Lehrer oder Handwerker einfache Jobs in Restaurants oder Reinigungsbetrieben annehmen. „Wenn wir Schritt für Schritt aufmalen, dann wird vieles klarer.“ Erst komme der Sprachkurs, dann eine Qualifizierung oder eine Ausbildung, um später in seinem früheren Beruf in Deutschland arbeiten zu können.

Bezahlt wird Martes Stelle durch das Bundesamt für Migration, auch in Werder (Havel), Bad Belzig, Brandenburg/ Havel hat die Awo derartige Beratungsstellen. Alle Fragen sind erlaubt: Neben Job und Wohnungen geht es auch oft um Familienangelegenheiten. Von Kitaplatzsuche bis zur Scheidung sei alles dabei – letzteres allerdings eher selten. Marte greift dann auf ein breites Netzwerk an Kollegen zurück, alleine kann sie so viel Fachwissen nicht bieten.

Rund 300 Klienten, die bei der beruflichen Integration unterstützt werden, lassen sich pro Jahr in Teltow beraten. In Brandenburg/Havel liegt der Wert sogar bei 1500. Die Kollegin dort arbeite an fünf Tagen in der Woche. In Teltow ist das auf einen Tag reduziert. Die Sprechstunde findet in den Awo-Räumen im Gesundheitszentrum in der Potsdamer Straße immer mittwochs von 9 bis 14 Uhr statt. Bis zu drei Jahre wird gemeinsam an der Integration in das Berufsleben gearbeitet. Wer sich länger nicht mehr sehen lässt, der sei aber später auch noch willkommen. Sanktionen gibt es keine. Das Wichtigste ist für Marte das Fundament. Sie will das, was die Menschen nach Deutschland mitbringen, hervorheben: „Wenn man ihnen das verdeutlicht, dann strahlen ihre Augen wieder.“
Eva Schmid

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