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3765 Potsdamer Kinder gelten als arm

Potsdamer Neueste Nachrichten 31.08.2018

Die Awo hat ein Büro Kinderarmut eröffnet.

Es soll für mehr Chancengleichheit in Potsdam sorgen

Manchmal reicht das Geld nicht einmal für die Stulle in der großen Pause. Oder eine Regenjacke. Auch den Beitrag für den Sportverein können sich ihre Familien nicht leisten: Kinderarmut begegnet den Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bezirksverbandes Potsdam jeden Tag. Am gestrigen Montag eröffneten sie das Büro Kinderarmut, das künftig auf der Breite Straße in Potsdam zu finden sein wird. Bei der offiziellen Eröffnung auf dem Awo-Campus Am Stern waren zahlreiche Politiker aus Stadt- und Bundespolitik zugegen.

„Viele Familien schämen sich“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Awo Bezirksverbandes Potsdam, Angela Schweers. Zu Armut gehöre auch die Abwertung von Hilfesuchenden in der Sprache. Ständig als „der Hartz IV-Empfänger“ bezeichnet zu werden, stigmatisiere die Betroffenen extrem. Das nun entstandene Büro sei die Konsequenz aus mehreren Aktionswochen, die die Awo seit 2015 zum Thema durchgeführt hat. Ins Leben gerufen hat sie Franziska Löffler, die auch Koordinatorin der Spirellibande ist. „Das gesellschaftliche Problem ist einfach zu groß“, sagte Löffler bei der Eröffnung. Das Büro, das in den nächsten drei Jahren mit je 65 000 Euro pro Jahr von der Aktion Mensch gefördert wird, soll nicht nur Öffentlichkeitsarbeit leisten, sondern auch Familien unmittelbar bei der Beantragung von Leistungen unterstützen. Es soll auch kostenfreie Schwimmkurse von Vorschulkindern organisieren, kostenloses Schulmaterial sammeln, ein Netzwerk von Bildungsbegleitern aufbauen und Stadtteilfrühstücke organisieren. „Man kann Menschen gut über Essen erreichen“, so Löffler.

Ab Oktober soll es im Stadtkontor in Drewitz zweimal die Woche ein entsprechendes Angebot geben, ein weiteres Frühstück soll Am Stern folgen. Awo-Vorstandsvorsitzende Schweers betonte, dass das Büro keine neue, steife Institution werden solle. „Wir wissen wo die Bedarfe sind. Da wollen wir hin.“
Drei Mitarbeiter sollen das Büro verstärken, je nach Bedarf auch mehr. Löffler wird die Hauptansprechpartnerin. „Man muss den Menschen vermitteln, was Armut ist.Gerade in der Lehrer- und Erzieherausbildung ist das nicht Bestandteil“, erklärte Löffler. Dabei sind auch in Potsdam laut dem Amt für Statistik Berlin/Brandenburg mindesten 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen – die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Kinder und Jugendliche gelten dann als arm, wenn „eine materielle Unterversorgung des Haushalts vorliegt“. 3765 Kinder und Jugendliche in Potsdam leben laut einer Erhebung des Amtes vom Mai diesen Jahres in sogenannten Bedarfsgemeinschaften, die Bezüge laut Sozialgesetzbuch II – also umgangssprachlich Hartz IV – bekommen. 1671 von ihnen sind unter sechs Jahre alt.

Laut Angela Schweers, sind das aber noch längst nicht alle, die in Potsdam von Armut betroffen sind. Denn hinzu kämen noch Familien, die Wohngeld oder Familienzuschlag beziehen. Bei den Mietpreisen in Potsdam seien das auch Menschen mit unterem oder mittlerem Einkommen. Laut Stadt wurden 2016 an 7984 Personen Wohnberechtigungsscheine vergeben – 2275 Kinder leben in diesen Haushalten. Laut Löffler sei die Politik in Potsdam inzwischen aber sensibilisiert: Vor vier Jahren wurde in der Stadt noch wenig über Kinderarmut gesprochen, so die Koordinatorin. Das habe sich inzwischen geändert.

Auch die Finanzierung der Spirellibande durch die Stadt werte sie als Positivbeispiel. Inzwischen erhalten durch das Projekt rund 750 Kinder an 14 von 23 Potsdamer Grundschulen ein kostenloses Frühstück. Die Projekte des Büros für Kinderarmut sollten nach ähnlichem Muster irgendwann von Städten oder Kommunen finanziert werden. Bis dahin ist das Büro Kinderarmut aber auf Spenden und Unterstützung angewiesen.

Valerie Barsig

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