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„Kinderarmut ist nicht wegzulächeln“

Märkische Allgemeine vom 10.12.2018

Awo-Chefin Angela Schweers über die Not tausender Potsdamer, die nicht nur finanzielle Gründe hat

Halbzeit im Advent, Halbzeit bei der MAZ-Weihnachtaktion „Sterntaler“. Wir sammeln in diesem Jahr Spenden für das „Büro Kindermut“ von der Arbeiterwohlfahrt (Awo), das Familien in Not zur Seite steht und sich – der Name sagt’s – vor allem für deren Kinder stark macht. Was ihnen am meisten fehlt, wenn die Eltern nur wenig haben, weiß die Vorsitzende des Awo- Bezirksverbands Angela Schweers. Armut, sagt sie, geht uns alle an.

Arm – das ist ein sehr altes, sehr kleines Wort, in dem unglaublich viel steckt. Woran denken Sie als erstes, wenn Sie an Armut denken? Angela Schweers: An ein anderes Wort mit nur drei Buchstaben, an das Wörtchen „nie“ – und das macht deutlich, was es vor allem für Kinder bedeutet, arm zu sein. Kinderarmut ist gleich Elternarmut – davon muss man immer ausgehen. Es geht dabei nicht um zwei, drei Monate Armut, nicht um ein Jahr, das man mal durchhält. Es geht darum, es nie aus der Armut herauszuschaffen.
Das ist das erste, woran ich denke. Es dauert im Schnitt sieben Generationen, um Armut zu überwinden – und wir reden hier nicht von einem systematischen Aufstieg, wir reden davon, dass dann viel Glück mitspielt.

Laut Deutschem Universalwörterbuch bedeutet „arm“ zum einen „ohne genügend Geld zum Leben, wenig besitzend, bedürftig, mittellos“, auch „unglücklich, bedauernswert, beklagenswert“ – ganz ursprünglich „verwaist“. Lassen wir unsere Armen im Stich?
Ja. Und zwar mit dem Argument: Die müssen sich nur ein bisschen anstrengen, ein bisschen arbeiten und dann wird schon alles gut. – Das ist das Im-Stich-lassen.

Das betrifft die Erwachsenen, was ist mit den Kindern?
In dem Moment, in dem ein Kind in eine Institution geht – in die Schule etwa oder in den Kindergarten –, geht es immer darum, wie viel bezahlen die Eltern und was sind die zusätzlichen Mittel, die aufgebracht werden können. Es wird immer nach der Beitragstabelle geguckt – es geht nie um die Begabung oder um die Interessen des Kindes unabhängig davon, in welcher finanziellen Situation es sich befindet. Wenn ich aber die Augen schließe, wenn ich nicht weiß, wie das Kind aussieht, ob es ein Junge ist oder ein Mädchen, welche Herkunft es hat, ob es vielleicht im Rollstuhl sitzt, ob es arm ist oder reich – dann sind alle Kinder gleich. Leider behandeln wir Kinder in Deutschland nicht so, denn wir arbeiten viel über Schubladen – es ist nur kein gemeinsamer Schrank da. Ein Kind hängt hierzulande immer davon ab, wer seine Eltern sind und was seine Eltern haben. Die Folge: Ausgrenzung im Bildungsalltag, in der Karriereplanung, später im Arbeitsleben. Wir nutzen Vorurteile, um nichts für diese Kinder tun zu müssen.

Ist uns Kinderarmut egal?
Scheint so. Im aktuellen Koalitionsvertrag wird zum allerersten Mal überhaupt das Wort „Kinderarmut“ ausgesprochen und ausgeschrieben.Wir bei der Awo sind froh, dass es endlich mal in einem Papier fixiert ist. Wir haben dafür jahrelang gekämpft. Jetzt ist Kinderarmut nicht länger wegzulächeln.

Steuert die Politik denn in Sachen Armut in die richtige Richtung?
Eine Kommune allein kann Kinderarmut nicht besiegen. Dafür müssen Bund, Land und Kommunen zusammenarbeiten. Nehmen wir das Bildungs- und Teilhabepaket – ein Bürokratiemonster! Die Erkenntnis, dass Kinder staatliche Hilfe benötigen, ist die richtige – aber die Ausgestaltung nicht. Wenn Kitas und Schulen wirklich als Bildungseinrichtungen begriffen und damit auch Klassenfahrten und Schulbücher als Bildung anerkannt würden, müssten diese Leistungen kostenlos sein. Damit wäre viel gewährleistet, weil jedes Kind unabhängig vom Elternhaus an allem teilhaben könnte. Das gesellschaftliche Leben von Kindern und Jugendlichen muss grundsätzlich staatlich unterstützt sein – egal, woher ich komme.

Kindergeld, Bildungs- und Teilhabepaket: Es gibt viele Vorurteile darüber, wie Betroffene die staatlichen Zuschüsse verwenden. Ein gängiges ist, dass sie das Geld lieber in Schnaps, Zigaretten und Unterhaltungselektronik investieren, als für ihre Kinder auszugeben.
Das ist widerlegt! Endlich! Eine Studie von Bertelsmann hat jetzt nachgewiesen, dass die Eltern das Geld sehr wohl für die Kinder ausgeben. Diesen Eindruck hatten wir bei der Awo schon immer.

Und wie erklärt es sich, dass zum Beispiel die Zuschüsse für Nachhilfe oder für den Sportverein nur von jeder vierten anspruchsberechtigten Familie geltend gemacht werden? Eltern, die etwas beantragen, müssen sich immer komplett durchleuchten lassen. Sie müssen alles, wirklich alles angeben – selbst wenn das Kind zu Weihnachten 50 Euro geschenkt bekommt. Arme Menschen leben in einem Unterstellungssystem – es wird ihnen ständig unterstellt, dass sie noch andere Geldquellen haben. Der Hartz- IV-Bescheid müsste reichen, um Zuschüsse zu beantragen – er reicht aber nicht. Man muss zum Beispiel auch die Kontoauszüge vorlegen.

Sind die Zuschüsse gut bemessen? Sie gehen oft nicht weit genug. Ein Beispiel aus unserem Alltag: Ein Mädchen hat eine Fünf in Mathe, weil sich die Eltern das Schulbuch nicht leisten können. Das Buch haben wir über das Freiexemplar in der Schule organisiert. Das Mädchen schafft es so auf eine Vier mit Plus, findet Spaß am Unterricht, weil es Erfolg hat. Eine Nachhilfe wird jetzt aber nicht mehr gefördert, weil das Mädchen nicht mehr auf Fünf steht. Das ist absurd. Warum kann ein Kind mit einer Vier oder Drei keine Nachhilfe bekommen? Wieso darf es ein armes Kind nicht auf Zwei schaffen? Warum darf es nicht gefördert werden? – Weil es im Bildungs- und Teilhabepaket nicht vorgesehen ist. Nach allem, was wir täglich erfahren, kann ich sicher sagen: Es gibt keine bildungsfernen Schichten – man wird ferngehalten. Allein der Papierkram, den arme Kinder haben, ist um ein Vielfaches höher, als wenn ich das Geld habe, einfach eine Klassenfahrt zu bezahlen.

Es wird unterschätzt, in welchem Stress-System sich die Menschen befinden, die alle halbe Jahre Hilfe beantragen müssen, um über die Runden zu kommen. Erschöpfung und Aussichtslosigkeit sind ein Dauerzustand und stören die Leichtigkeit des Lebens und der Kindheit massivst. Das muss geändert werden.

Worauf müssen finanziell benachteiligte Kinder von all den Dingen, die für die meisten Kinder in Deutschland selbstverständlich sind, vor allem verzichten?
Auf Achtung und Würde. Darauf müssen sie am meisten verzichten. Dann kommt lange Zeit nichts und dann erst kommt alles andere. Auf Kinderarmut folgt Jugendarmut und damit eine absolute Perspektivlosigkeit. Spätestens dann wird es ganz schwierig. Beispiel: Bundesfreiwilligendienst. Der ist nur für reiche Kinder. Man bekommt ein Taschengeld von 325 Euro für 8 Stunden Arbeit täglich. Damit kann ich keine Wohnung, nicht mal ein Zimmer bezahlen. Besser eine Ausbildung machen? Die bekomme ich nur, wenn ich ein entsprechendes Zeugnis präsentiere. Wenn ich aber nur für Fünfen gefördert werde? Ein schlechtes Zeugnis sagt nichts über die Intelligenz eines Kindes aus, sondern über das Portemonnaie der Eltern. Studien zeigen das seit Jahren auf, aber die Politik steuert nicht dagegen – und das werfe ich der Politik vor.

Betroffen sind auch viele Migranten, vor allem Flüchtlinge – selbst wenn die Einwanderung nach Deutschland zunächst eine Verbesserung darstellt.
Diese Kinder vollbringen wahre Wunder, denn sie leben in zwei Welten: In der Herkunfts- und Fluchtgeschichte auf der einen Seite und im neuen System und dem Satz „Wer hierher kommt, hat sich nach unseren Regeln zu benehmen“ auf der anderen. Diesen Kindern wird noch weniger Zuwendung entgegengebracht. In Potsdam sind zwar Schule und Kita geregelt, aber die begleitenden Projekte wie Trauma-und Aufarbeitungsgruppen für Kinder fehlen völlig.

Potsdam ist eine schöne und gut situierte Stadt. Tut Armut in sorgenfreier Gesellschaft mehr weh?
Man hat die Umfelder hier in Potsdam ja gut getrennt. Wir sind unter den zehn Städten in Deutschland, in denen die Segregation am stärksten ist. Wer sieht schon die armen Kinder? – Andere arme Kinder. Kinder aus bedürftigen Familien haben einen Bewegungsradius von nur circa drei Kilometern. Das kann man gut laufen, dafür braucht man keinen Fahrschein, der Geld kostet. Und reiche Kinder fahren nicht in den Schlaatz.

Was wünschen sie sich von den Potsdamern?
Mein größter Wunsch: Achtung und Würde. Vorurteile helfen einem über den Alltag, aber nicht wirklich für die Zukunft. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen darüber nachdenken. Es ging uns nie so gut wie jetzt – nicht wegen des Geldes, sondern weil man seine Meinung sagen kann, ohne morgen verhaftet und bestraft zu werden. Diese Demokratie muss bewahrt werden. Aber Armut gefährdet Demokratie. Interview: Nadine Fabian Angela Schweers lenkt seit 26 Jahren die Geschicke der Arbeiterwohlfahrt in Potsdam. 
Interview: Nadine Fabian


Jeder Cent zählt – bitte spenden Sie!
In Potsdam leben tausende Kinder in Armut. Das Awo-Büro Kindermut will ihnen helfen – bitte helfen Sie mit! Ihre Spende gegen Kinderarmut an:
Awo Bezirksverband Potsdam
Verwendungszweck: Sterntaler
Deutsche Kreditbank Berlin
BIC: BYLADEM1001
IBAN: DE71 1203 0000 0000 4821 09

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