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Brandenburg testet Einsatz von Krankenschwestern an Schulen

Märksiche Allgemeine

Die Arbeiterwohlfahrt möchte landesweit Krankenschwestern an Schulen einsetzen. Die Landesregierung ist auch dafür. Allerdings steht die Finanzierung noch nicht. An zehn Schulen soll das Projekt jetzt getestet werden.
Pflaster für Schürfwunden, Spritzen für kleine Diabetiker, schnelle Hilfe bei Allergieschocks und vor allem: immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Kinder und Jugendlichen. Schulkrankenschwestern leisten in den USA und in vielen europäischen Ländern wichtige Arbeit. In Deutschland hingegen werden schuleigene Pflegekräfte lediglich an Privatschulen eingesetzt. Der Potsdamer Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) will das jetzt ändern. Laut einer Machbarkeitsstudie hält der Verband den flächendeckenden Einsatz von Schulkrankenschwestern auch an Brandenburgs Schulen für nötig und möglich. Das Land will das Modell zunächst an zehn Schulen testen. Später könnte es dann auf alle Schulen ausgeweitet werden.
Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) begrüßt das Projekt. „Ein guter Gesundheitszustand im Kindes- und Jugendalter ist eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung schulischer Anforderungen“, sagt sie. Zu den häufigsten Gesundheitsproblemen von Schülern gehören laut Golze Sprach- und Sprechstörungen, Sehfehler und Bewegungsstörungen. Sozial benachteiligte Kinder seien häufiger von Entwicklungsstörungen betroffen.
Die Studie wurde im Rahmen eines Projektes der Awo und des Bündnisses „Gesund aufwachsen in Brandenburg“ entwickelt. Die Landesministerien für Bildung und Gesundheit sind ebenfalls mit im Boot. Praktische Hinweise kamen von Schulen in Polen und Finnland, wo Schulkrankenschwestern seit Jahrzehnten beschäftigt werden. Projektleiterin Gudrun Braksch von der Awo glaubt, dass sich die Umsetzung in der Mark bezahlt machen würde. „So können wir die Gesundheit der Kinder maßgeblich verbessern“, sagt sie.
Neben der Versorgung von Akutfällen sollen die Pflegekräfte auch das Inklusionskonzept des Landes unterstützen. Chronisch kranke und behinderte Schüler könnten während der Schulzeit medizinisch versorgt werden. Zudem könnten Schulkrankenschwestern nach Awo-Angaben zur Chancengleichheit beitragen. Forschungen zufolge stehen Gesundheit, Bildung und Armut in engem Zusammenhang. In Brandenburg liegt die Kinderarmutsquote bei 25 Prozent. Das Projekt geht nun in die zweite Phase, in der ein Lehrplan für die Aus- und Weiterbildung des Personals entwickelt wird. In einer dritten Phase soll der Einsatz von Schulkrankenschwestern ab dem Schuljahr 2016/17 für zwei Jahre an zehn Modellschulen in Brandenburg getestet werden. Die Modellschulen stehen noch nicht fest. Laut Projektleiterin Braksch könnte ein flächendeckender Einsatz ab 2018 möglich sein. „Ich bin mir sicher, dass wir das schaffen können“, sagt sie.
Die Studie empfiehlt ein Betreuungsverhältnis von 1:700. Bei einer landesweiten Umsetzung müssten dafür mindestens 300 Voll- und Teilzeitstellen eingerichtet werden. Für jede Vollzeitkraft sei eine Summe von 30 000 bis 40 000 Euro pro Jahr einzuplanen, schätzt die Awo. Die Personalkosten sollen allerdings nicht allein von den Steuerzahlern getragen werden, sondern auch von den Krankenkassen.

Von Anja Meyer

Kommentar:
Krankenschwestern in der Schule
Der kleine Ben stürzt vom Klettergerüst und die Schulkrankenschwester weiß sofort, ob sien den Krankenwagen rufen muss - oder es mit einem Pflaster getan ist. Wenn Drittklässlerin Lena einen Asthmaanfall hat, hat sie das passende Spray zur Hand: Eine Madame Pomfrey könnte in Zukunft nicht nur Harry Potters leiden kurieren, sondern auch die der Brandenburger Schüler.
"Unnötiger Schnickschnack, wir haben die Schulzeit auch so gut überstanden", mag sich mancher denken. Doch die Iniative der AWO, den Einsatz von Schulkrankenschwestern im Modellprojekt zu testen, ist ein wichtiger Vorstoß - besonders in Zeiten des Inklusionskonzeptes. Wenn chronisch kranke und behinderte Schüler Regelschulen besuchen sollen, muss eine adäquate medizinische Versorgung sichergestellt sein. Nur so können Eltern ihre Kinder ruhigen Gewissens in die Schule schicken. Und auch augenscheinlich gesunde Kinder würden profitiren - sei es bei Unfällen oder in der Vorsorge.
Länder wie die USA und deutsche Privatschulen machen es vor: Gesunde Schüler haben bessere Bildungschancen. Manche Probleme wie Sehschwächen oder Allergien werden oft erst dort entdeckt. Doch Gesundheit und Bildung dürfen kein Vorrecht von Eliten sein. Insofern ist der flächendeckende Einsatz von Schulkrankenschwestern ein Schritt in Richtung Chancengleichheit. Er sollte am Ende nicht an Kostenfragen scheitern. Denn Gesundheitsförderung hat ihren Preis.

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