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Mehr als nur Pflaster kleben

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Potsdam - Ob aufgeschürften Knie, Kollaps im Schulsport oder Rangelei auf dem Schulhof: Schüler und Lehrer wenden sich aus den unterschiedlichsten Gründen an Christine Behm. „Meine Tür steht offen, meistens stehen morgens um acht schon die ersten Kinder vor meinem Zimmer“, erzählt die 51-Jährige von ihrem Alltag an der Gebrüder-Grimm-Grundschule und Nicolai-Oberschule in Brandenburg/Havel. Seit dem gestrigen Freitag ist die Potsdamerin nach einem Jahr Weiterbildung zertifizierte Schulkrankenschwester.

Sie gehört zu einem Modellprojekt und bekam nun zusammen mit neun anderen Schulgesundheitsfachkräften, wie es offiziell heißt, im Kulturhaus der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Babelsberg ihr Zeugnis. „Es ist ein Zertifikat, das es so in Deutschland noch nicht gibt“, betonte Angela Schweers, Vorstandsvorsitzende des Awo Bezirksverbandes Potsdam. Neu an dem Projekt ist, dass ein Curriculum entwickelt wurde, bestehend aus einer dreimonatigen Schulung und einer anschließenden Phase in den Schulen mit begleitender Weiterbildung. Es wendet sich an ausgebildete Krankenschwestern oder -pfleger. Finanziert wird es unter anderem vom brandenburgischen Gesundheits- und dem Bildungsministerium. Zehn Schulkrankenschwestern wurden so nun ausgebildet und sind an 20 Schulen in Brandenburg im Einsatz.

 

Bisher gibt es an deutschen Schulen in den meisten Fällen gar keine Krankenschwester, die Erstversorgung müssen oft Lehrer übernehmen. Im europäischen Vergleich ist Deutschland damit eine Ausnahme. „Fast alle anderen Länder Europas haben ein System von ausgebildeten Krankenschwestern in den Schulen“, erklärt Awo-Sprecher Stefan Engelbrecht. Der Modellversuch wird außer in Brandenburg auch noch in Hessen durchgeführt, allerdings werden dort die Ersten erst im kommenden Mai fertig. Schon vorab wurde eine Studie durchgeführt, nun wird das Verfahren wissenschaftlich evaluiert.

Denn wie es nach der zunächst zweijährigen Projektphase weitergeht, ist noch unklar. Weder weiß man, ob die für zwei Jahre befristet beschäftigten Schulkrankenschwestern weiter angestellt werden, noch ob es weitere Jahrgänge geben wird. „Unser Wunsch ist ganz klar, dass es ein solches Programm künftig bundesweit gibt“, sagte Angela Schweers. Doch zunächst einmal müssten die Ergebnisse der Auswertung abgewartet werden.

Für Schulkrankenschwester Christina Behm ist klar: „Ich möchte nichts anderes mehr machen.“ Die Arbeit mit den Kindern, vor allem aber die Anerkennung durch Schüler, Lehrer und Eltern für ihre Arbeit tun ihr gut. Die 51-Jährige hat mehr als 30 Jahre als Krankenschwester gearbeitet, zuletzt in der Kardiologie an einem Berliner Krankenhaus. „Aber ich wollte mich beruflich verändern, mit Kindern arbeiten. Vorher war meine Arbeit zu sehr von Tod und Trauer geprägt“, so Behm. Die Ausbildung sei intensiv gewesen, doch nun fühle sie sich sehr gut integriert an den beiden Schulen.

Neben der Erstversorgung von kleineren Verletzungen kümmert sich Behm auch um chronisch kranke Kinder. Dazu kommen Streitigkeiten, Mobbing, Stress zu Hause – Behm ist für viele Schüler auch Ansprechpartnerin für solche Fragen geworden, bei der sie dann eng mit der Schulsozialarbeit zusammenarbeitet. Auch Prävention ist ein wichtiges Thema. Mit Lehrern gemeinsam entwickelt sie einzelne Stunden, führte ein Handwaschtraining durch oder Aufklärung zu gesunder Ernährung. „Ich frage mich wirklich, wie die das vorher geschafft haben“, so Behm. 

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